Die Hypospadie kann für den Knaben und die Eltern eine große psychologische Belastung darstellen. Die Konfliktkonstellation beginnt nach der Geburt bei der Diagnosestellung. Nicht selten sind die Eltern und besonders die Mutter von Zweifeln und Selbstvorwürfen geplagt. Das Internet mit der ungefilterten und unbegrenzten Verfügbarkeit von Information stellt dabei heute einen wesentlichen Faktor dar. Trotz der relativen Häufigkeit der Hypospadie ist die Erkrankung bei Eltern fast unbekannt oder wird tabuisiert. Dies setzt beim behandelnden Chirurgen Empathie, Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Verwirrung, Unsicherheit und Ängste der Eltern und Patienten voraus.
Das chirurgische Ziel ist heute die Rekonstruktion des Penis zum „normalen“ Organ in ästhetischer und funktioneller Hinsicht. Ein wichtiger Schritt dabei ist, die sichtbaren Zeichen der Operation möglichst gering zu halten. Es wäre aber eine mechanistische chirurgische Wunschvorstellung, dass das Problem Hypospadie immer mit einer Operation behoben wäre. Erstaunlicherweise gibt es wenig Arbeiten über die Psychologie, über das soziale und sexuelle Leben und über die allgemeine Entwicklung des Kindes und Mannes mit Hypospadie, sei es nach Operationen oder auch nicht korrigiert. Es deutet aber alles darauf hin, dass die Hypospadie bis ins Erwachsenenalter eine negative Beeinflussung der psychosexuellen Entwicklung darstellen kann und dies selbstverständlich mit zunehmender Zahl von Operationen die emotionale Problematik verstärkt. Die eigentliche sexuelle Funktion nach Hypospadiekorrektur ist im Erwachsenenalter in der Regel nicht beeinflusst. In einer persönlichen Kommunikation mit Vertreten der Amerikanischen Selbsthilfegruppe für Hypospadie und Epispadie (www.HEAinfo.org) wurde von einer online Umfrage mit 150 operierten und nicht operierten Männern mit Hypospadie aus verschiedenen Ländern über gehäuftes Auftreten von Probleme mit ihrem Penis, ihrer Sexualität, Depression, Suizidalität und anderem Belangen der Lebenszufriedenheit berichtet.
Dies alles führt zur Empfehlung, Knaben mit Hypospadie und deren Eltern eng prä- und postoperativ zu betreuen und sie ggf. über die Pubertät hinaus bis ins Erwachsenenalter zu begleiten. Besonders trifft dies natürlich für Patienten mit Komplikationen und schwierigen Verläufen zu. Hier sollte frühzeitig eine psychologische Betreuung angestrebt werden. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass der Begriff „Hypospadiekrüppel“ obsolet ist und weder in der Literatur noch im Gespräch weiter Verwendung finden soll und darf.